L-Carnitin - die (un)sinnvolle Diätunterstützung?

14 / June 2017

Viele Dinge laufen in fixen, jährlichen Zyklen ab. Am Ende des Jahres kommt der Weihnachtsmann, Mitte Februar ist halb Deutschland sturzbetrunken, im Juli winkt unser Parlament per Eilverfahren umstrittene Gesetze durch, während der gemeine Deutsche Urlaub auf Mallorca macht.
Vorher hat er sich durch Detlef Soosts I make you sexy um 1kg Hüftwasser und sein Portemonnaie um mehrere bunte Scheinchen erleichtert. Die TV-Werbung hierzu und weiteren revolutionären Abnehmprogrammen schmückt ab 0:01 Uhr, dem 01.01.[fügen Sie hier eine x-beliebige Jahreszahl ein], die Mattscheiben von 80 Mio. Bundesbürgern. Spätestens wenn sich jene TV-Spots mit Werbeeinblendungen von McDonalds und Burger King im Minutentakt abwechseln, ist man Zeuge des alljährlichen Diätwahnsinns der westlichen Hemisphäre.

Bei aller Kritik an den fast immer zum Scheitern verurteilten guten Neujahrsvorsätzen der immer mehr zu Fettleibigkeit neigenden Bevölkerung: unsere Branche gehört seit Jahrzehnten zu den Profiteuren der berühmten Frühjahrsdiät. So erleben Fatburner ein alljährliches Revival - sowohl die guten, als auch leider die schlechten (wer erinnert sich noch die legendäre Red Devil-Werbung in der FLEX?).

L-Carnitin hat sich als einer der wahren Dauerbrenner in dieser Produktkategorie entpuppt. Die Substanz ist natürlichen Ursprungs, ist reich in fleischhaltigen Gerichten vertreten und hat keinerlei Nebenwirkungen. Summa summarum alles Eigenschaften, die einen Fatburner für die breite, fitness- und gesundheitsorientierte Masse ausgesprochen interessant machen, und wahrscheinlich ist dies auch der Grund, weshalb der Absatz von L-Carnitin seit vielen, vielen Jahren durchweg stabil bleibt. Ein sicheres Pferd also - sowohl für den Verbraucher als auch für den Händler.

Doch was macht L-Carnitin eigentlich im Detail? Wo liegen die Vorzüge, für wen lohnt es sich, und für wen eventuell nicht? Wirkt es denn gar oder ist es mehr mit einem Placebo zu vergleichen, dessen fettverbrennende Eigenschaften sich die besonders motivierten und zuversichtlichen Konsumenten nur einbilden?

L-Carnitin - Elixir der Fettverbrennung

L-Carnitin ist eine den Vitaminen ähnliche Substanz, die sowohl über die Nahrung zugeführt und/oder vom Körper selbst synthetisiert wird. Ohne die gängigen Supps mit einzubeziehen, ist rotes Fleisch wohl der wichtigste Lieferant. Falls nicht genügend L-Carnitin verzehrt wird, schafft sich unser Organismus selbst Abhilfe, indem er es aus Lysin und Methionin in Leber und Nieren selbst herstellt. Im Schnitt trägt jeder Mensch etwa 27 g des Stoffs mit sich rum.

Ohne explizit auf seinen Ruf als Supplement weiter einzugehen: L-Carnitin ist wichtig! So wichtig, dass wir extrem leistungsstarke Transporter haben, die L-Carnitin auch bei ausgesprochen niedrigen Blutspiegeln immer noch wie ein mächtiger Staubsauger in unsere Muskelzellen befördern.

Hier erfüllt L-Carnitin seine berühmte Rolle: Es transportiert langkettige Fettsäuren und solche, die mit aktivierter Essigsäure verestert sind, durch die innere Mitochondrienmembran, wo sie in der Beta-Oxidation zu Energie verpulvert werden. Ohne L-Carnitin würde also ein wichtiger Energieträger fehlen, den wir vor allem im Schlaf und bei Aktivitäten mit moderater Intensität bevorzugt verbrauchen. End of story!

Die quälende Frage, an der sich offenbar immer noch die Geister scheiden: Können wir mehr Fett verbrennen, wenn wir L-Carnitin zusätzlich supplementieren? Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es hierzu zu Hauf, und dennoch fördern jüngere Studien immer häufiger Erkenntnisse zu Tage, die sich zum Einen mit der Praxis decken und zum Anderen L-Carnitin in ein gänzlich neues Licht bzgl. seiner physiologischen Wirkungen auf unseren Körper stellen.

Doch eines nach dem anderen....

Lässt sich die Fettverbrennung nun steigern oder nicht?

Ganz klar: Jain! Ergebnisse älterer Untersuchungen zu diesem Thema fallen relativ ernüchternd aus und prägen nach wie vor die gängige Meinung zu L-Carnitin - die Konzentration an L-Carnitin in den Mitochondrien ließen sich durch zusätzliche Gabe nicht steigern, folglich auch nicht die Fettverbrennung forcieren. Dies scheint auch logisch zu sein, denn - wir erinnern uns - L-Carnitin ist für den Fettstoffwechsel, der wiederum für das Überleben des menschlichen Organismus so essentiell wichtig ist, unabdingbar und kann vom Körper selbst synthetisiert werden. Kommt es also mal zu einem Abfall der Konzentration an L-Carnitin in unserer Muskulatur, kann unser Körper durch Eigensynthese sofort gegensteuern und die erforderliche Menge an L-Carnitin sicherstellen - könnte er die Menge an L-Carnitin in seinem Körper nicht selbst optimieren, wäre das ein eklatanter Nachteil im Überlebenskampf der prä-ziviliatorischen Welt.

Jüngere Studien (Stephens et al. 2006, 2007) hingegen zeigen jedoch, dass sich die Menge an L-Carnitin in unserer Muskulatur tatsächlich steigern lässt, wenn - und das ist jetzt kein Scherz - gleichzeitig hohe Insulinspitzen erzeugt werden. D.h, wir können die Menge an funktionellem L-Carnitin in unserer Muskulatur tatsächlich erhöhen, wenn wir zusätzlich Kohlenhydrate verzehren. Wie viel Insulin bzw. Kohlenhydrate wir nun brauchen, um diesen Effekt zu maximieren, ist nicht klar. Eine Studie von Wall et al. (2011) zeigte jedoch, dass eine Gabe von 2 g L-Carnitin und 80 g Kohlenhydrate den Glykogenabbau bei körperlicher Tätigkeit mit relativ niedriger Belastungsintensität reduziert. Da der aerobe Glykogenabbau gedrosselt wird, muss folglich also der Abbau von Fettsäuren steigen.
Ob da jetzt zu einem beschleunigten Gewichtsverlust führt, ist nicht ganz klar, abwegig ist es natürlich nicht.

Wer es zumindest schafft, aufgrund dieser Studienergebnisse entgegen des unsäglichen Trends, Kohlenhydrate für alles Übel auf der Welt verantwortlich zu machen, wieder vermehrt Kohlenhydrate in seine Diät einzufließen, hat sowieso schon gewonnen.

Welche Vorzüge hat L-Carnitin noch?

Die eigentliche Sensation hinter L-Carnitin ist viel mehr, dass in den letzten Jahren einige Erkenntnisse zu L-Carnitin zu Tage gefördert wurden, die so wohl kaum einer vermutet, der L-Carnitin hauptsächlich als Fatburner benutzt.

Neben günstigen Einflüssen auf unser Herzkreislauf-System und die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten bei Leberschädigungen, gewinnt L-Carnitin seit Jahren an Bedeutung zur Behandlung von kognitiven Erkrankungen.

So ist bekannt, dass eine Supplementation mit L-Carnitin bei Narkolepsie und bei Durchblutungsstörungen im zentralen Nervensystem positive Effekte auf unser Schmerzempfinden, auf Angstzustände und depressive Stimmungen haben kann.

L-Carnitin kann jedoch weitaus mehr: Es ist antioxidativ wirksam, indem es die körpereigene Produktion von antioxidativen Enzymen wie Superoxid-Dismutase, Katalase und Glutathion-Peroxidase fördert. Dies fanden chinesische Wissenschaftler im Jahre 2011 heraus. In Ihrer Studie verabreichten Sie 12 gesunden Personen eine einzige orale Dosis an L-Carnitin von 2 g. In den anschließenden 3,5 Stunden nahmen die Blutspiegel der genannten Enzyme signifikant zu, ehe sie nach etwa 24 Stunden wieder ihren Ausgangswert erreichten.

Nicht nur gesunde Menschen und Sportler können so von L-Carnitin profitieren, sondern auch Personen, die an bestimmten neurologischen Schäden erkrankt sind. Für die Ausbildung bestimmter Demenz-Erkrankungen wird aktuell oxidativer Stress in unseren Hirnzellen als wichtiger Faktor diskutiert. Die hierbei anfallenden „radikalen Sauerstoffspezies“ schädigen Zellgewebe und u.U. auch das enthaltene Erbgut. Funktionseinbußen oder gar die Bildung von Krebszellen bis hin zu Tumoren können die Folge sein. Das Gehirn ist gegenüber oxidativem Stress im besonderen Maße ausgesetzt: 20% unseres eingeatmeten Sauerstoffs werden hier verbraucht, und die antioxidativen Kapazitäten sind im Vergleich zu anderen Geweben deutlich geringer.

Wie Ribas et al. (2014) feststellen, könnte L-Carnitin einen präventiven Effekt auf neurodegenerative Erkrankungen haben, da es im Gegensatz zu vielen anderen Substanzen die Blut-Hirn-Schranke passieren und somit direkt die antioxidativen Kapazitäten in unserem Gehirn verbessern kann.

Hierbei handelt es sich allerdings nur um rudimentäre Studienergebnisse. Nicht also gleich auf die Idee kommen, Oma und Opa mit Megadosierungen L-Carnitin zu füttern, weil es bei best-nutrition.de stand.


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